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Das Elend der Alphamännchen im Ruhestand

8. Oktober 2025

Als der Textilunternehmer Wolfgang Grupp kürzlich nach 54 Jahren als Patriarch an der Spitze seiner Firma öffentlich bekannte, er leide an schweren Depressionen, war das mehr als nur die bittere Notiz eines Einzelfalls. Es war ein Blick in das fragile Innenleben – vor allem – von Männern, die ihren Wert aus Rang, Aufmerksamkeit und dem Gefühl permanenter Unentbehrlichkeit schöpfen. Wolfgang Grupp war die Personifikation dieses Prinzips. Ein Mann, der sein Unternehmen nicht nur leitete, sondern es war. Als alleiniger Inhaber und persönlich haftender Gesellschafter war er zugleich das lebende Symbol für eine bestimmte Form des deutschen Unternehmertums: wertkonservativ, unnachgiebig und stolz auf das Prädikat „Made in Germany“. Sein Name war untrennbar mit seiner Firma verbunden, eine Symbiose, die ihn zu einer schillernden Figur der deutschen Wirtschaft machte, bekannt aus Fernsehspots, in denen er neben einem Schimpansen für seine T-Shirts warb.

Der Archetyp Alphamännchen

Dabei ist Wolfgang Grupp kein Einzelschicksal, sondern ein geradezu ideales Beispiel für viele klassische Alphamännchen, wobei „Alphamännchen“ – ein Begriff aus der Verhaltensbiologie – heute weniger den stärksten Affen im Dschungel beschreibt als vielmehr eine soziale Führungsrolle. Es ist der Archetyp des Anführers in Politik, Wirtschaft oder Sport, ein Mann, der durch einen unbedingten Willen zur Macht gekennzeichnet ist. Er dominiert Gespräche und Entscheidungen und strahlt eine Aura der Unbesiegbarkeit aus. Doch diese äußere Fassade ruht oft auf einem prekären Fundament: der vollständigen Verschmelzung von Selbst und Funktion. Fällt dies weg, was bleibt dann? Leere, Stille, Langeweile? In diesen Symptomen zeigt sich eine Krise der Identität, der „Konstruktionsfehler“ bei vielen Alphamännchen, Politikern, Wirtschaftsbossen, Spitzensportlern, Prominenten: Die Rolle ist ihr Selbst. Schwindet die Rolle, bricht es.

„Role Exit“ und Entzug

Sozialpsychologen sprechen von „Role Exit“: dem Übergang aus einer allumfassenden Identität in eine erst wieder zu besetzende Normalität. Ruhestand wird nicht als Ruhe empfunden, sondern als Entzug – wie bei Drogen und anderen schweren Abhängigkeiten. Studien deuten darauf hin, dass bis zu ein Drittel der Führungskräfte davon betroffen ist, überwiegend Männer, Alphamänner.¹

Warum vor allem Männer

Dass es überproportional Männer sind, die nach dem Verlust ihrer Bühne in eine existenzielle Leere stürzen, hat weniger mit biologischer Veranlagung zu tun als mit sozio-kultureller Prägung. Immer noch werden Männer auf „hegemoniale Männlichkeit“ (Raewyn Connell) getrimmt, auf Dominanz, auf Wettkampf, auf Hierarchie und Überlegenheit, auf die Unterordnung von Frauen, die Abwertung von allem, was als „weiblich“ empfunden wird.³ Emotionen, insbesondere solche, die als Schwäche gelten könnten – Angst, Trauer, Unsicherheit –, werden unterdrückt. Der Körper hat dementsprechend zu funktionieren. Dieses Muster prägt dann auch das Berufsleben – bis zum Ruhestand, dann ist Schluss. Ohne Amt auch keine Dominanz. Das Dumme am Ruhestand aber ist, dass es dann kein Amt mehr gibt und Dominanz ohne Amt geht ins Leere.

Die paradoxe Stärke

Das Phänomen gibt es in den Vorstandsetagen der Bosse, auf den Spielfeldern der Athleten und im Machtzentrum der Politik. Seine Analyse offenbart einen durchgehenden „Konstruktionsfehler“, der im Ruhestand zur existenziellen Krise führt: die hegemoniale Männlichkeit, d. h. eine Identität, die auf der öffentlichen Rolle fußt, auf Leistung, Kontrolle, Dominanz, Wettbewerb und der Abwertung von Verletzlichkeit und allem, was als weiblich gilt. Demgegenüber verkümmert das private Selbst oder wird nie wirklich entwickelt.

Die zentrale Paradoxie liegt darin, dass die Eigenschaften, die diesen Männern in ihrer aktiven Zeit ihre immense Stärke verliehen – ihre Unbeugsamkeit, ihr unbedingter Wille zur Macht, ihre emotionale Kontrolle –, zur Quelle ihrer späteren Fragilität werden. Die systematische Unterdrückung von Emotionen, die als „Schwäche“ gelten, die Vernachlässigung von sozialen Beziehungen außerhalb des eigenen Funktionsbereichs und das Fehlen eines facettenreichen, intrinsisch wertvollen Selbst hinterlassen ein psychologisches Vakuum. Sobald die äußere Hülle des Amtes, des Ruhms oder der unternehmerischen Allmacht wegfällt, bricht die innere Leere durch. Der Mann, der alles war, ist plötzlich nichts mehr, weil er nie gelernt hat, einfach nur zu sein.

Ein überholtes Männlichkeitsbild

Die Bewältigung dieser Krise ist mehr als eine individuelle Aufgabe; sie verweist auf tiefere soziokulturelle Muster, letztlich auf die Brüchigkeit eines starren und überholten Männlichkeitsbildes. Die Frage „Wann ist der Mann ein Mann?“ muss immer noch neu beantwortet werden – von Männern und Frauen. Umso bedenklicher ist es, dass es mittlerweile einen Backlash gibt und manche das alte, dominante Männlichkeitsideal wieder zum vorherrschenden machen wollen.

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