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Holt Habeck vom Sockel

1. November 2025


Warum die Grünen gerade fertig haben

Robert Habeck genießt – weit über Die Grünen hinaus – ein verklärtes Image: der empathische Erklärer, der verständlich spricht, mit sich ringt, Fehler eingesteht und um Ausgleich bemüht ist. Doch genau diese Aura blockiert die notwendige Selbstkritik der Grünen und droht, sie in Nostalgie erstarren zu lassen. Sie befördert die bequeme Erzählung, man sei im Grunde kurz vor der Eroberung des Kanzleramtes gewesen – und übersieht, dass die Partei strategisch in einer Sackgasse steckt.

Das Problem der Grünen: Sie stellen die „ökologische Transformation“ über die "soziale Frage" und über den "Kulturkampf" gegen die reaktionäre Rechte. Das Ergebnis: Die Grünen verlieren und die AfD gewinnt an Boden – nicht nur an den Wahlurnen, sondern im öffentlichen Diskurs, wenn auch nicht nur deshalb. Die Grünen sollten Robert Habeck dringend vom Sockel holen und sie sollten sich selbst neu erfinden.

Der Ansatzpunkt für die Erneuerung liegt in der radikalen Korrektur zweier kardinaler Fehler der Ära Habeck.

Erster Fehler: Kein Kulturkampf

Robert Habecks vielleicht größter – auch persönlicher – Fehler ist sein falsches Verständnis von der Bedeutung des Kulturkampfes. Dieser Kampf sei, so Habeck, im Grunde nur "simuliert". Er sei ein Ablenkungsmanöver von Akteuren wie Markus Söder, um von "strukturellen Versäumnissen" abzulenken. Berühmt wurde in diesem Kontext sein Abkanzeln von Söders demonstrativem Fleischkonsum als "fetischhaftes Wurstgefresse", das "keine Politik" sei.

Intellektuell hatte er damit recht, politisch jedoch verkannte er die Bedeutung dieser Inszenierung. Denn während Söder damit ausdrückte: "Ich bin einer von euch 'Normalen', den Fleischessern, dem Volk – und nicht von den Grünen, den Eliten, den Umerziehern", tat Habeck dies als "Ablenkung" ab. Er verweigerte nicht nur die Auseinandersetzung, sondern bestätigte damit exakt das Feindbild, das Söder von ihm zeichnete. Auch in anderen Zusammenhängen charakterisierte Habeck den Kulturkampf immer wieder als "Ablenkung" vom eigentlichen Kampf für die ökologische Transformation und als "Inszenierung", in deren Logik er nicht einsteigen wolle: „Das ist alles für die Füße.“

Seine Logik: Klimaschutz sei kein Kulturkampf. Seine Konsequenz: Nichtbeteiligung.

Dies offenbart sein zutiefst falsches Verständnis vom "Kulturkampf". Denn der ist kein nebensächlicher Streit, der vom Wesentlichen ablenkt, sondern eine fundamentale Auseinandersetzung über die Grundlagen und die Werte der offenen Gesellschaft - in einer sich wandelnden Welt. Digitalisierung und Globalisierung verändern Berufe, Lebensstile und soziale Strukturen – damit geraten jene sozialen und kulturellen Werte ins Wanken, auf denen Zugehörigkeit und Gemeinsinn beruhen.

In der heutigen fragmentierten digitalen Öffentlichkeit verstärken Algorithmen Zuspitzung, während gemeinsame Deutungsrahmen schwinden. So werden Konflikte über Sprache, Geschlecht, Migration oder Erinnerungspolitik zu Stellvertreterkämpfen um Status, Sicherheit und Zukunftschancen. Politik muss den Spagat leisten, einerseits die Modernisierung zu gestalten und zugleich den sozialen Zusammenhalt zu sicheren. Die Linien verlaufen dabei oft nicht mehr klassisch zwischen links und rechts, sondern zwischen veränderungsoffenen und sicherheitsorientierten, konservativen Milieus, zwischen global vernetzten Gewinnern und jenen, die reale Verluste erleiden oder befürchten. Der "Kulturkampf" ist dabei die Bühne auf der darum gerungen wird, die Werte zu erneuern, ohne die Menschen zu verlieren, um dies es geht. Fortschritt oder Regression, "das ist hier die Frage"

Die Grünen selbst sind aus einem „Kulturkampf“ entstanden, bei dem es um weit mehr als "die Umwelt" ging - es ging immer auch auch um Lebensstile, Werte und Zugehörigkeiten:

  • Klimaschutz, Tierwohl und Antidiskriminierung kollidieren mit Alltagsgewohnheiten und etablierten Wirtschaftsinteressen.
  • Heizen, Autofahren, Fliegen, Fleischkonsum und Bauen berühren tägliche Kultur-Praktiken, verändern Routinen, verhandeln Kultur.
  • CO₂-Preise, Subventionen und Verbote/Standards sind nicht nur technische Parameter, sondern greifen tief in den Lebensstil ein.
  • Offenheit, Migration, EU-Integration und Minderheitenschutz definieren Zugehörigkeit neu.
  • Gleichstellung, Queer-Rechte und Bildungssprache (Gendern) verändern nicht nur die Sprache, sondern auch die Lebens- und Denkweise.
  • Die „Grenzen des Wachstums“ stellen Leistungs- und Fortschrittsmythen infrage und verändern die Sicht auf die Welt fundamental.

Dieser „grüne“ Kulturkampf hat sie erfolgreich bis an die Schwelle des Kanzleramtes geführt – um letztlich an sich selbst zu scheitern. In der Person Habecks verweigerten sie die Weiterführung des Kulturkampfes als „Ablenkung“. Man fühlt sich unweigerlich an den Satz erinnert: Es hat Revolutionen gegeben, aber es gibt keine mehr.

Damit fällt die Führungsrolle im Kulturkampf – fast widerstandslos – an die reaktionäre Rechte. Diese ist es, die jetzt „Klima“ als Hebel nutzt, um „kulturelle Hegemonie“ zu erringen, wobei es um weit mehr geht. Die AfD leugnet nicht nur den Klimawandel; sie inszeniert sich als "klaren Gegenpol" zu den Grünen und macht Klimaskepsis zu einem Akt des kulturellen Widerstands. Gleichzeitig führt sie einen erbitterten Kampf gegen "woke Ideologien" und "Multikulturalismus", stützt sich auf die Wiederbelebung eines reaktionären "traditionellen Familienbildes", mobilisiert antifeministische Ressentiments, setzt auf Nationalismus, "Leitkultur" und forciert ein autoritär-nationalistisches Gesellschaftsmodell.

Angesichts dessen ist Habecks intellektuelle Strategie der Geringschätzung des Kulturkampfs eine strategische Kapitulation. Sein Rückzug aus dem Bundestag im August 2025 ist daher nur konsequent, nachdem sein Versuch, die ökologische Transformation rational voranzubringen, auf intellektueller Ebene, im irrationalen Gefecht des Kulturkampfes bei der Bundestagswahl krachend gescheitert war - auf Wählerebene. Er selbst gestand ein, sein "politisches Angebot", das seine "politische Identität ausgemacht" habe, sei "in eine Sackgasse geraten".

Zweiter Fehler: Die soziale Blindheit

Die tiefere Wurzel dieses Versagens ist allerdings ein Geburtsfehler der Grünen: der Vorrang der ökologischen Transformation vor der sozio-kulturellen. Dieser Vorrang hat sich mittlerweile zu einer scheinbaren Unvereinbarkeit ihrer ambitionierten ökologischen Ziele mit der sozialen Realität vieler Menschen ausgewachsen.

Viele Bürgerinnen und Bürger erlebten die Klimapolitik der Grünen nicht als Gemeinwohlprojekt, sondern als soziale Zumutung. Der Eindruck der Geringschätzung alltäglicher Sorgen verprellte selbst jene, die den Klimazielen grundsätzlich zustimmen.

Das prominenteste Beispiel war das desaströs kommunizierte Gebäudeenergiegesetz (GEG), das als "Heizungsgesetz" in die Geschichte einging. Es ignorierte die Realität von Bürgern mit geringem oder mittlerem Einkommen. Das hat die Grünen letztlich die Deutungshoheit über ihre Umweltpolitik – und ihre Politik insgesamt – gekostet

Die soziale Blindheit lieferte die perfekte Munition für den Kulturkampf der reaktionären Rechten und der AfD. Die mussten das Narrativ der "abgehobenen Elite von Besserverdienern" nicht einmal erfinden; Habecks Politik lieferte die Beweise frei Haus.

Auch Habeck selbst dämmerte es bei seinem Abschied vom Bundestag, dass die Grünen letztlich an sozialen Fragen gescheitert sind.

Ein gefundenes Fressen für die AfD auf ihrem Weg zur Macht.


Das Gebot der grünen Stunde

Deshalb sollte Robert Habeck dringend vom Sockel geholt werden – nicht als Person, sondern als Symbol einer gescheiterten Strategie. Das ist umso dringlicher als Robert Habeck nicht ins stille Exil verschwunden ist, sondern sich neu erfunden hat - als Elder Statesman, gewissermaßen über den Dingen schwebend. „Habeck live“ heißt ein regelmäßiger diskursiver Salon auf der Bühne des Berliner Ensembles mit Robert Habeck als Kurator der politischen Vernunft. Seine Lieblingsrolle als akademischer Intellektueller. "Zurückzupolarisieren" ist dagegen - wie er im Interview mit der taz bei seinem politischen Abschied vom Bundestag bekannte - eher nicht sein Ding: "Das wäre logisch, aber falsch. Jedenfalls für die, die daran festhalten wollen, dass Konflikte rational und durch Verstehen gelöst werden können. Ich bin dafür nicht der Richtige."

Seine neue Rolle als Elder Statesman ist allerdings Gift für die Grünen - solange die innerlich zerrissene Partei noch nicht strategisch geklärt hat, wohin sie zukünftig will, und solange noch keine neue Führung fest im Sattel sitzt. Im Moment gibt es verstärkte Bemühungen, sich in den Niederungen der Tagespolitik als "konstruktive" Opposition gegen das Aufweichen der „Brandmauer“ und gegen die rechte Reaktion neu zu erfinden - allerdings noch ohne wirklich neue Strategie. Ein Schatten-Vorsitzender Robert Habeck, der versucht sein Denkmal zu schützen, dürfte diesen Erneuerungs-Prozess beträchtlich erschweren. Aber ohne radikale Abrechnung mit ihrer jüngsten Vergangenheit werden Die Grünen zukünftig in der deutschen Politik nur eine Nebenrolle spielen.

P.S. Interessanterweise greift Robert Habeck ganz aktuell bei "Habeck Live" das Thema "Kulturkampf" auf: „Wozu Kulturkampf?“ - am 14. Dezember 2025.

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