Feminismus-Update, ja bitte
27. Oktober 2025
Baustellen der Gender-Gerechtigkeit
Ich weiß, es ist nicht ohne Risiko, diesen Text zu schreiben, schließlich geht für manche gar nicht, was ich hier mache : als Mann einen Vorschlag zum Thema "Feminismus". Allerdings ist das schon ein Teil des Problems.
Beginnen wir mit der harten Realität: Frauen sind in Deutschland noch lange nicht vollständig gleichberechtigt. 2024 verdienten Frauen im Schnitt 16 % weniger pro Stunde als Männer (unbereinigter Gender Pay Gap). Selbst wenn man gleiche Qualifikation, gleiche Tätigkeit usw. berücksichtigt, bleibt immer noch eine Lücke von etwa 6 %. Gleichzeitig nimmt die Gewalt gegen Frauen zu. 2024 wurden in Deutschland mehr als 265.000 Fälle häuslicher Gewalt polizeilich registriert. Fast 80 % der Opfer in Fällen von Partnerschaftsgewalt sind weiblich. Und das sind nur die Fälle, die überhaupt angezeigt wurden (schätzungsweise unter 10% bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung). Zwei Realitäten, die zeigen, dass Feminismus nach wie vor wichtig ist – und es nicht um Gender-Empfindlichkeiten geht.
Warum dann ein Update?
So sehr der Feminismus gebraucht wird, so still ist es um ihn geworden – nach #MeToo, Debatten über Machtmissbrauch, Equal Pay Day. Das liegt nicht daran, dass diese Probleme gelöst wären, sondern daran, dass andere Themen in den Vordergrund gerückt sind: Krieg, Migration, Sicherheit, Rechtsradikalismus. Feministische Perspektiven sind inzwischen zu Nebenschauplätzen innerhalb größerer Auseinandersetzungen um die offene Gesellschaft geworden: Kulturkämpfe für die Demokratie und gegen den Rechtsextremismus. Dazu kommt die innere Fragmentierung des Feminismus, die es begünstigt, dass er zwischen die Fronten gerät, wenn er sich nicht erneuert.
Die neue Frauenfeindlichkeit
Eigentlich gilt Gleichberechtigung als Konsens in Deutschland. Eigentlich ist das klassische männliche Rollenbild – der Mann als Ernährer, Entscheider, Oberhaupt der Familie – längst von der Realität überholt worden, und die Forderung von Frauen nach gleichen Löhnen, gleicher Macht, gleicher Deutungshoheit über ihren Körper, ihre Arbeit und ihre Zeit wird von vielen Männern nicht nur akzeptiert, sondern unterstützt. Allerdings nicht von allen. Manche empfinden den gesellschaftlichen Wandel als persönliche Zurückweisung und sozialen Abstieg.
Genau an dieser Kränkung setzen antifeministische Brandstifter an: Du musst dich nicht ändern – die Frauen müssen zu ihrer alten Rolle zurückkehren. Die Neue Rechte instrumentalisiert gekränkte Männlichkeit für autoritäre patriarchalische Ziele – mit erstaunlicher gedanklicher „Flexibilität“: Femonationalismus. Einerseits wollen sie Frauen wieder auf die Rolle der gehorsamen Ehefrau und Mutter im Dienst von Nation und Geburtenrate festnageln. Gleichzeitig inszenieren sie sich als Anwälte „unserer Frauen“ gegen „fremde frauenfeindliche Männer“, vor allem gegen muslimische Männer. Sie wollen Abtreibungsrechte einschränken, diffamieren Feminismus offen als „Krebs“ und diskreditieren Gleichstellungspolitik als „Gender-Gaga“. Sie tun so, als ob Gewalt gegen Frauen vor allem „draußen“ lauere, auf der Straße, nachts im „falschen Viertel“. Sie knüpfen an Urängste an und schüren sie.
Tatsächlich aber passieren die meisten schweren sexualisierten Übergriffe nicht im dunklen Park oder im „Stadtbild“, sondern in privaten Räumen. Vergewaltigungen und schwerer sexueller Missbrauch finden in rund 71 % der Fälle in Wohnungen statt, nicht auf der Straße. Die Täter sind nahezu immer Männer. Die Opfer fast immer Frauen. Das gilt quer durch alle Nationalitäten. Alle zwei Minuten erlebt in Deutschland ein Mensch Gewalt im sozialen Nahraum. 2024 waren über 265.000 Menschen betroffen, mehr als 70 % davon Frauen. In den Fällen, in denen es um Partnerschaftsgewalt geht, sind die mutmaßlichen Täter überwiegend Männer – egal, ob deutsch oder nicht deutsch. 2023 wurden allein in diesem Zusammenhang rund 180.000 Frauen als Opfer erfasst. Wer so tut, als sei Frauenfeindlichkeit primär ein Import aus „nahöstlichen, muslimischen Kulturen“, lügt (ähnlich wie beim Antisemitismus) und lenkt aktiv vom Kern ab, nämlich von patriarchalen Machtverhältnissen mitten in der angeblich aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft. Stattdessen wird suggeriert, Sicherheit für Frauen bedeute: Migration runter, Abschiebungen rauf, Kontrolle von „Problemvierteln“. Besonders fatal ist es, wenn diese fremdenfeindliche Hetze dann auch noch vom Bundeskanzler bedient wird: „Fragt eure Töchter …“
Die Fragmentierung des Feminismus
D e n „Feminismus“ gibt es nicht, aktuell schon gar nicht. Es gibt verschiedene. Wenig überraschend spiegeln sich in ihm die gleichen gesellschaftlichen Konflikte wider wie auch bei anderen sozialen Bewegungen: demokratisch-liberale Strategien ringen mit reaktionär-autoritären.
Stand Alice Schwarzer einst für den Aufbruch des deutschen Feminismus und hat 1977 mit der Zeitschrift EMMA das langjährige Leitmedium der deutschen Frauenbewegung geschaffen, so steht sie heute für einen reaktionär-autoritären Schutz-Feminismus mit dem Fokus auf „importierte“ patriarchale Gewalt, also vor allem auf migrantische Männlichkeit. Damit gibt sie sich als Verteidigerin von Frauenrechten, bedient aber vor allem rechtsautoritäre Narrative und ethnisiert männliche Gewalt.
Wie weit rechts Alice Schwarzer im gesellschaftlichen Diskurs inzwischen angekommen ist, offenbart auch die Trans-Debatte. So warnt sie davor, dass „biologische Männer“ sich als Frauen definieren könnten, um Zutritt zu Schutzräumen und Ressourcen zu erhalten. Außerdem behauptet sie, Transgeschlechtlichkeit sei inzwischen gerade bei jungen Mädchen so eine Art „Mode“, und warnt, dass Selbstbestimmung manchem Jugendlichen den Geschlechtswechsel „verlockend leicht“ machen würde. Eine paternalistische Botschaft - als ob Jugendliche, besonders Mädchen, nicht wüssten, wer sie sind. Parallele Argumente wurden übrigens auch beim Kampf um die Abschaffung des § 175 verwendet.
Dem reaktionären Feminismus einer Alice Schwarzer steht ein fragmentierter Feminismus gegenüber, der mit Alice Schwarzer gebrochen hat. Er besteht vor allem aus drei Strömungen:
1) ein antirassistischer Feminismus, der Schwarzer klassischen weißen Feminismus vorwirft und kritisiert, sie würde muslimische Frauen zu Objekten westlicher Rettungsfantasien machen, während sie den strukturellen Rassismus in Deutschland ausblendet.
2) der arbeitsrechtebasierte Feminismus. Während Schwarzer Prostitution insgesamt als Gewalt, Menschenhandel und männliche Ausbeutung charakterisiert („Deutschland sei das Bordell Europas“), halten linke Feministinnen dagegen: Wer Sexarbeit pauschal als „Zwang“ definiert, hört nicht auf die Stimmen von Sexarbeiterinnen selbst, verschärft die Stigmatisierung und drängt Betroffene in die Unsichtbarkeit. Damit gäbe es für sie weder Schutz noch Rechte.
3) der queere Feminismus. Während Alice Schwarzer ein streng biologisches Verständnis von „Frau“ hat und von einer „Trans-Mode“ spricht, laufen queerfeministische Gruppen, trans Aktivist:innen und auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) dagegen Sturm, weil das trans Menschen pathologisieren würde und das Narrativ bedient, trans Rechte seien eine Bedrohung für „echte Frauen“. Sie sehen darin die Produktion eines Feindbilds, das politisch nahtlos zum Kulturkampf gegen die „Gender-Ideologie“ passt.
Unter dem Strich: Der Feminismus in Deutschland ist kein einheitliches Projekt mehr. Die frühere Leitfigur Alice Schwarzer ist nach rechts abgedriftet, die jüngeren Feministinnen kämpfen an verschiedenen Fronten. In der Zwischenzeit baut sich die autoritäre Rechte als Beschützer der Frauen gegen „migrantischen Sexismus“ auf – mit freundlicher Unterstützung von Alice Schwarzer.
Was das Feminismus-Update bringen soll
Warum ich als Mann für ein Feminismus-Update plädiere, obwohl ich natürlich weiß, dass Männer den Feminismus nicht erfunden haben und dass es Frauen sind, die den Preis für Sexismus, männliche Gewalt und sexuelle Diskriminierung bezahlen? Weil es Lagerbildung statt Politik wäre zu sagen, „Du bist Mann, du hast kein Recht, dir Gedanken zu machen“. Wem würde das helfen?
Bei aller notwendigen Auseinandersetzung: Gleichberechtigung ist im Ziel kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Eine gleichberechtigte Gesellschaft gibt es schließlich nicht ohne Männer, die sich mitverändern und die sich mit Frauen zusammen öffentlich gegen Sexismus, häusliche Gewalt, Lohnungleichheit und antifeministische Politik positionieren. Wer das nicht will oder sogar angreift, begünstigt auf fatale Weise die Spaltung der Gesellschaft.
Was aus meiner Sicht heute fehlt, ist ein Feminismus als Freiheitsprojekt, nicht als ausgrenzendes Lager-Projekt. Ein Feminismus, der die offene Gesellschaft und die Demokratie vertieft, statt sie ethnisch oder geschlechtsspezifisch zu verengen. Ein Projekt, das Solidarität organisiert, statt Zugehörigkeit zu kuratieren. Ein Projekt, das klar benennt, worin die größte Gefahr besteht, nämlich in patriarchalischen, autoritären Strukturen – nicht in der falschen Herkunft, nicht im falschen Geschlecht.
Beim Update geht es also nicht um „weniger Feminismus“. Es geht um Feminismus als Teil des universellen Kampfes für eine offene Gesellschaft für alle Geschlechter – Integration statt Ausgrenzung: Team up.




