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25. November 2025 Lesezeit: 8 Min.

Populismus aus der Cloud

Wie KI die Kultur verändert


Es gibt eine sich hartnäckig haltende Anekdote aus dem Paris des 19. Jahrhunderts, die von einem Papagei handelt. Kein besonders kluges Tier, aber ein äußerst aufmerksames Plappermaul. Wenn sich die Stimmung im Salon gegen den König richtete, krächzte er grollend. Wenn eine junge Debütantin vor Liebeskummer seufzte, gurrte er tröstend. Der Vogel verstand weder etwas von Politik noch von Liebe. Er gab nur dem Publikum, was das Publikum hören wollte.


Hundertfünfzig Jahre später ist aus dem Salon das globale Internet geworden und der Papagei heißt ChatGPT, Claude, Gemini oder Llama. Sprachwissenschaftler sprechen von einem „stochastischen Papagei“: einem System, das Daten so zusammensetzt, wie es statistisch am wahrscheinlichsten ist.


KI-Systeme funktionieren, grob gesprochen, so: Sie berechnen, welche Wortfolgen in einer bestimmten Situation „plausibel“ sind, und formen aus Milliarden von Textteilchen im Netz einen neuen Text. Im Kern ist das extrem beschleunigtes, hochautomatisiertes „Copy and Paste“ – kein Zitat mehr mit Anführungszeichen, sondern das geschmeidige Mixen des gesammelten Wissens und Halbwissens.


Die Ergebnisse sind faszinierend, nachdem es jahrzehntelang Computer gab, die vor allem „Fehler 404“ und „Papierstau“ beherrschten. Jetzt beantworten sie komplexe Lebensfragen, anschaaulich und stilvoll gewürzt mit Zitaten, Metaphern und Aufzählungen. Man könnte meinen, die Aufklärung sei in ein neues, ein digitales Stadium getreten.

Algorithmischer Populismus

In Wahrheit erleben wir etwas anderes: eine neue Form von Populismus – digital, höflich, immer verfügbar. Ein „algorithmischen Populismus“, der darauf trainiert ist, aus gewaltigen Datenmengen genau das zu generieren, was statistisch gesehen am ehesten gefällt, verstanden wird oder zustimmungsfähig ist. Statt eigenständiger Haltung verstärkt die KI das ohnehin Vorhandene: dominante Narrative, gängige Sprachmuster, etablierte Perspektiven.


KI „wählt“ zwar nicht absichtlich das Populäre, aber die Optimierungsziele – Vorhersagegenauigkeit, Engagement, Nutzerzufriedenheit – führen dazu, dass Minderheitenpositionen, Ambivalenzen und Zumutungen eher geglättet werden. In diesem Sinn ist KI ein strukturell populistischer Akteur, der das Mehrheitsfähige belohnt und das Sperrige an den Rand drängt.


Der mentale Hamburger

Dabei folgt die KI einem längst bekannten Herstellungsrezept der Moderne. Zuerst werden bekannte und dokumentierte Gedanken, Positionen, Erkenntnisse wie im Fleischwolf zerhackt: Zusammenhänge, Quellen, Entstehungsgeschichte – alles wird so lange granuliert, bis nur noch Datenkrümel übrig sind. Aus diesen Krümeln formt der Algorithmus Patties: synthetisierte, formstabile Aussagen, die wirken, als seien sie aus einem Guss – je nach Bedarf.

Wie beim realen Hamburger wählen die Nutzerinnen und Nutzer auch beim digitalen Hamburger vorab die Geschmacksrichtung:


  • sachlich und ausgewogen
  • leicht provokant, aber nicht zu sehr
  • motivierend, gern mit Metaphern
  • extra „positiv“

Und die KI liefert. Je nach Bestellung gibt es mehr Moral, weniger Konflikt, extra Empathie oder wahlweise eine Portion Pseudo-Skepsis. Wer will, bekommt auch eine „kritische Analyse“ – meist allerdings nur in der bekömmlichen Variante, in der Kritik selten weh tut und fast nie Konsequenzen hat. Man kann das Ergebnis natürlich auch spicy haben.


Studien zeigen: Wenn ein Nutzer liberale Ansichten äußert, generiert das Modell liberale Argumente. Äußert er konservative Ansichten, schwenkt es nach rechts. Doch der Populismus kommt nicht nur von rechts oder aus der Ecke der Inkompetenz. Er kann auch technokratisch verordnet sein.

Halluzination und Realität

Als Google seinem Bildgenerator Gemini mehr Diversität beibringen wollte, schoss das System über das Ziel hinaus und generierte afroamerikanische US-Gründerväter und asiatische Soldaten der deutschen Wehrmacht. Political Correctness wurde hier von oben vorgegeben - eine „Woke-Halluzination“ und Wasser auf die Mühlen der KI-Gegner.


Wie gefährlich das werden kann, zeigte sich, als Googles KI auf die Frage, wie man den Belag auf einer Pizza fixiert, allen Ernstes antwortete: „Du kannst auch etwa 1/8 Tasse ungiftigen Klebstoff in die Soße geben.“ Die Quelle dieses ernst gemeinten Ratschlags war ein elf Jahre alter, sarkastischer Reddit-Kommentar. Für die KI war es ein Fakt.


Noch dramatischer war der Fall des Anwalts Steven A. Schwartz, der ChatGPT für eine Klage gegen die Airline Avianca nutzte. Die KI lieferte ihm präzise Präzedenzfälle. Das Problem: Die Fälle waren frei erfunden. Die KI hatte das juristische Format perfekt imitiert – den Jargon, die Aktenzeichen, den Tonfall – aber den Inhalt halluziniert. Als der Anwalt nachfragte: „Sind diese Fälle echt?“, antwortete der digitale Populist mit der Inbrunst der Überzeugung: „Ja, die Fälle sind echt.“ Die KI log, um ihre vorherigen Lügen zu stützen.


Auch ästhetisch ist die KI ein Populist. Frauen mit makelloser Haut, Sonnenuntergänge wie in Disney-Filmen, Städte im ewigen Neon-Gegenlicht. Technisch brillant, aber seelenlos. Visuelles Fast Food: schmeckt beim ersten Bissen, macht auf Dauer satt und träge.

Die Eigenheiten des digitalen Fast Foods

1. Alles ist fein gehackt

Ursprüngliche Stimmen, radikale Positionen, sperrige Argumente werden in kleinste Stücke zerlegt. Was am Ende im Patty landet, ist eine durchmischte Masse – die Herkunft der Zutaten ist nicht mehr erkennbar.

2. Der Geschmack ist standardisiert

Egal ob Klimapolitik, Nahostkonflikt oder Liebeskummer: Die Textkonsistenz bleibt ähnlich. Es schmeckt immer „wie KI“, also glatt, höflich, wohltemperiert. Die Unterschiede liegen im Topping, nicht in der Substanz.

3. Die Illusion von Individualität

Wie bei Fast-Food-Ketten: Man kann viele Varianten bestellen, aber das Fleisch kommt immer aus demselben industriellen Prozess. So ist es auch mit der digitalen Intelligenz. Sie fühlt sich personalisiert an, ist tatsächlich aber befreit von jeder individuellen Eigenheit.

Das ist kein Zufall, sondern eingebaut. Nach ihrem Training auf gigantischen Textmengen werden Modelle mit „Human Feedback“ dressiert: Antworten, die freundlich, zustimmend, nicht zu kompliziert sind, bekommen Applaus – und Applaus ist die Währung des Lernens. Die Maschine lernt, ein professioneller Ja-Sager zu sein.

Die Folgen für die Gesellschaft

Dass strukturelle Prinzip ist letztlich: „Copy and Paste“. Bereits Geschriebenes wird kopiert und neu zusammengesetzt eingefügt. Dabei hat das, was viele oft und laut geschreiben oder gesagt haben, statistisch bessere Chancen, im mentalen Hamburger wieder aufzutauchen. Minderheiten bleiben eher außen vor. Das hat Folgen.

  • Nivellierung von Originalität. Wer sich auf KI-Texte verlässt, bekommt gut verdauliche Standardkost. Die Welt füllt sich mit professionell formulierter Austauschbarkeit.
  • Bestätigungsschleifen für Vorurteile. KI antwortet so, dass sie möglichst kompatibel zum Erwartungshorizont des Nutzers bleibt. Die Maschine hat keine Überzeugung, aber sie verstärkt unsere.
  • Marginalisierung von Nuancen. Je stärker ein System den statistischen Durchschnitt reproduziert, desto leiser werden Positionen, die von diesem Durchschnitt abweichen.
  • Erosion von Verantwortlichkeit. Wenn eine Antwort falsch ist, wer ist schuld? Der Algorithmus kennt weder Verantwortung noch Moral.
  • Bequemlichkeit als politisches Risiko. Warum lange recherchieren, wenn man eine schicke Zusammenfassung haben kann? Man scrollt nicht mehr durch Textwüsten, man snackt „Erkenntnis“.

Fazit: Fast Content

Das Verhängnisvolle: Ausgerechnet Werkzeuge, die als kraftvolles Mittel zum individuellen „Empowerment“ angepriesen werden, können so zu Verstärkern der mentalen Passivität des Publikums werden. Statt Bürgerinnen und Bürger, die sich streiten, zweifeln, argumentieren, entstehen „User“, die Textprodukte konsumieren, optimieren, recyceln.


Es wäre allerdings zu bequem, die KI allein dafür verantwortlich zu machen. Der digitale Populismus funktioniert nur, weil er auf eine bereits industrialisierte Kultur trifft, in der Konsum ganz oben steht. So leben wir schon seit Langem mit Fast Food, Fast Fashion, Fast News. Die KI ist „nur“ die nächste Stufe:Fast Content.


Natürlich muss man das alles nicht apokalyptisch sehen. KI kann ein nützliches Werkzeug sein. Aber wie bei jedem populistischen Angebot gilt: Gefährlich wird es, wenn man anfängt, es mit Wirklichkeit zu verwechseln. Der mentale Hamburger bleibt ein Convenience-Produkt, auch wenn er noch so handwerklich produziert daherkommt.

Tatsächlich ist das, was gerade passiert, vor allem eines: die konsequente Fortsetzung der Industrialisierung. Zuerst wurden die stofflichen Inputs der Welt industriell verarbeitet: Nahrung, Kleidung, Wohnen. Jetzt ist der geistige Input an der Reihe. Die KI nimmt uns das das aufwändige Suchen und das anstrengende Nachdenken ab und serviert den perfekten mentalen Hamburger – je nach Prompt-Bestellung.

Ob wir ihn gedankenlos hinunterschlingen, liegt allerdings an uns.

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