Zwei Jahre nach dem 7. Oktober befindet sich Israel in einer Sackgasse – und gleichzeitig an einem Scheideweg. Was mit klaren, legitimen Zielen begann – Selbstverteidigung, Befreiung der Geiseln –, ist zu einer anhaltenden militärischen Kontrolle weiter Teile des Gazastreifens geworden.
Im Innern ist das Land tief gespalten. Netanyahu klammert sich an die Macht, getrieben von Rechtsradikalen und Nationalisten in seiner Regierung mit konkreten Annexionsplänen. Respektierte Persönlichkeiten wie Benny Gantz und Gadi Eisenkot sind aus Protest gegen das Fehlen einer „Day-after“-Strategie zurückgetreten. Verteidigungsminister Yoav Gallant wurde entlassen, weil er die Freilassung der Geiseln priorisierte und Aufarbeitung des 7. Oktober verlangte. Gleichzeitig fordert eine wachsende Mehrheit der israelischen Gesellschaft – darunter nicht nur viele Angehörige der Geiseln – einen sofortigen Waffenstillstand, ein Abkommen zur Freilassung der Verschleppten und Neuwahlen.
Demokratischer Protest ist in Israel nichts Neues. Schon vor dem 7. Oktober erlebte das Land die größten Demonstrationen seiner Geschichte gegen Netanyahus Justizreform. Seither richtet sich der Zorn gegen das Versagen seiner Regierung am 7. Oktober und gegen die unbegrenzte Fortführung des Krieges – auf Kosten der Geiseln.
Trotz aller Spaltungen glaube ich: Die Spirale des endlosen Krieges muss – und kann – durchbrochen werden. Voraussetzung ist, dass die legitimen Rechte beider Völker anerkannt und garantiert werden. Für Israel: Sicherheit innerhalb anerkannter Grenzen, Schutz vor Terror. Für die Palästinenser: demokratische Selbstbestimmung in einem lebensfähigen Staat, frei von der Tyrannei der Hamas und sicher in ihrem eigenen Land.
Dies wird Generationen dauern. Es erfordert politischen Willen, Weitsicht und – entscheidend – glaubwürdige internationale Garantien. Die Welt hat Vertrauen verspielt, bisher wenig zur Umsetzung einer Zwei-Staaten-Lösung beigetragen und zugelassen, dass sich die Hamas festgesetzt, Gaza untertunnelt und zur Basis des Angriffs auf Israel gemacht hat. Zudem ist Israel im Kampf gegen den Iran und seine Stellvertreter weitgehend allein gelassen worden. Das muss sich ändern. Frieden wird nur möglich sein, wenn jene, die ihn sabotieren – auf allen Seiten –, gestoppt werden.
Hier liegt auch das Problem beim 20-Punkte-Plan von Trump. Seine Durchführbarkeit hängt ab von der tatsächlichen Akzeptanz durch die Hamas und durch Israel, der tatsächlichen Demilitarisierung von Gaza sowie der tatsächlchen Unterstützung und Finanzierung durch regionale und internationale Partner. Reine Taktik oder Lippenbekenntnisse reichen nicht und Ansatzpunkte für Sabotage bietet der Plan genug. Er ist so ungenau und zweideutig gehalten, dass ihn beide Seiten scheinbar akzeptieren können, während sie ihn weiter sabotieren und die Schuld für sein Scheitern der anderen Seite zuschieben.
Zudem bleibt die Perspektive einer Zweistaatenlösung zwar offen – wenn die Bedingungen schließlich gegeben seien, "um einen glaubwürdigen Weg zu palästinensischer Selbstbestimmung und Staatlichkeit zu eröffnen" (Punkt 19) –, doch wird dies nicht eindeutig als Kern einer langfristigen Lösung formuliert. Ministerpräsident Netanyahu hat seinerseits bereits erklärt, dass er dieses Ziel ablehnt.
Es muss sich also erst noch zeigen, ob der Friedensplan tatsächlich den Frieden bringt. Das dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob sowohl die Regierung Netanjahu als auch die Führung der Hamas größere Vorteile darin sehen, den Krieg zu beenden, als ihn fortzusetzen: Yes, but ...
Wie auch immer der Ausgang dieses Konflikts aussehen wird, eines bleibt unverhandelbar: Antisemitismus ist eine absolute rote Linie. Ob gegen Jüdinnen und Juden hierzulande, in Israel oder anderswo – oder in Gestalt der Delegitimierung Israels. Doch der Kampf gegen Antisemitismus darf nie vom Kampf für Demokratie getrennt werden. Andernfalls verkommt er zum hohlen Ritual. Das bedeutet auch, undemokratische und nationalistische Maßnahmen müssen klar benannt und bekämpft werden - überall.